Tagung 2019

Respekt: Von Grenzen, Gräben und Brücken

lautet das Thema der diesjährigen Herbsttagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie vom 27.10.2019 bis 31.10.2019 in Lindau (Bodensee). 

 

„Respekt" ist ein vielschichtiger Begriff, der spannungsreiche Assoziationen hervorruft. Sie reichen von so unterschiedlichen Polen wie dem unbedingten Gehorsam eines Untertanengeists bis zum herausfordernden Schlagwort „respect!", das den Weg aus dem Slang amerikanischer Jugendbanden bis in den alltäglichen Sprachgebrauch geschafft hat. Während der Untertanengeist eine Aufgabe des Ichs und ein Aufgehen in der Masse bedeutet, fordert „respect!" hingegen die eigene Wertschätzung und Stärkung ein: „Achte mich, damit ich mich achten kann!" – so benennt es die Autorin und Schauspielerin Renan Demirkan.
Aus den Rückmeldungen der TeilnehmerInnen hat sich das Thema „Respekt" herauskristallisiert und schließt damit nahtlos an die letzten beiden Herbsttagungen an. Unter dem Titel „Zwischen Böse und Gut" hatten wir uns vor zwei Jahren mit einer zunehmenden kollektiven Spaltungstendenz befasst. Im letzten Herbst wurde mit „Lust auf Zukunft" thematisiert, wie im Sinne einer kritischen, aber konstruktiven vorwärtsgerichteten Haltung der Zukunft begegnet werden kann. Daran unmittelbar anknüpfend soll nun die im Wortsinn enthaltene „Rückschau" und „Beachtung" der Respectio den Blick darauf richten, wie eine Begegnung mit den Gräben gelingen kann, die sich immer mehr zwischen Individuen, Interessensgruppen und Nationen auftun. Gerade die Achtung vor dem Anderen, die aus tiefenpsychologischer Sicht nur mit der Achtung vor sich selbst beginnen kann, scheint Antworten auf diese Fragen zu beinhalten. Selbstwert und Selbstachtung sind die Grundlagen des Respekts vor der Fremdheit des Anderen. Zugleich ist damit noch keine Sympathie gemeint. Viel basaler als diese fordert der Respekt eine Achtung der Mitmenschen, der Mitgeschöpfe und der Umwelt ein und erkennt damit die eigenen Grenzen wie die der Anderen an. Gerade aktuelle Phänomene wie hate-speech, shit-storms oder das in der Empörungsgesellschaft üblich gewordene „Sprechen mit dem Schaum vor dem Mund", wie es Bundespräsident Walter Steinmeier benannt hatte, begegnen uns zunehmend. Sie zeugen von einem Mangel an gegenseitiger Achtung, die besonders auf dem Boden anonymer Kommunikation gedeihen kann. Respekt als Grundlage der Beziehungen zu anderen wie zu uns selbst kann dabei unter Wahrung der Grenzen diejenigen Brücken herstellen, die es für eine menschengemäße und lebendige Entwicklung braucht: keine Achtung ohne Selbstachtung.
Im bewährten und fruchtbaren interdisziplinären Ansatz der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie wollen wir uns daher über die Grenzen beruflicher Spezialisierungen hinaus und mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen dem Thema annähern: aus tiefenpsychologischer, spiritueller, ökologischer, soziologischer und philosophischer Perspektive. In einem breiten Spektrum aus Referaten und Seminaren finden Sie vielfältige Möglichkeiten, sich mit dem Thema persönlich, beruflich und in gesellschaftlichem Engagement auseinanderzusetzen.
Wir hoffen, mit diesem reichhaltigen Angebot, Ihre Neugier und Ihr Interesse zu wecken, und freuen uns auf einen gemeinsamen lebendigen Austausch bei der Lindauer Herbsttagung der igt.

 

Ihr Konstantin Rößler

 

 

Für unsere diesjährige Tagung konnten wir folgende Referentinnen und Referenten gewinnen:

• Dr. Franz Alt, Journalist, Fernsehmoderator, Buchautor, Baden-Baden

• Golineh Atai, Fernseh-Korrespondentin, Köln

• Prof. Dr. Eckhard Frick sj, Psychiater, Psychoanalytiker, Hochschulprofessor, München

• Dr. Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale, Trägerin

  des Alternativen Nobelpreises, Brühl

• Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel, Universitätsprofessor für Theologie, Tübingen

• Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler, Universitätsprofessor, Tübingen

• Prof. Dr. Barbara Stauber, Universitätsprofessorin für Erziehungswissenschaft, Tübingen

• Prof. Dr. Gisela Trommsdorff, Psychologin, Soziologin, Konstanz